Scriptito : Gundula Schmidt-Graute

Kultur

Intensive Diskussionen über Schuld und Religion

Mit "Dead Man Walking" hat die Semperoper ein neues Publikum angesprochen

Dresden (KNA) Das Bühnenbild ist nüchtern, fast kühl, die Darsteller tragen Kostüme und Anzüge. Viele Opern werden heute so inszeniert, um die allgemein gültigen Aussagen historischer Texte herauszuarbeiten. Doch "Dead Man Walking" nach dem Buch von Sr. Helen Prejean behandelt die US-amerikanische Gegenwart. Der Komponist Jake Heggie und der Librettist Terence McNally haben die Oper im Jahr 2000 als Auftragswerk der San Francisco Opera geschrieben. In den Dialogen der Ordensschwester mit dem zum Tode verurteilten Mörder Joseph De Rocher, mit dem Gefängnisdirektor und den Eltern der Mordopfer geht es um Schmerz, Trauer, Schuld und die Möglichkeit der Vergebung. Und um die Frage, ob der Staat Gerechtigkeit walten lässt, wenn er tötet. Anders als in vielen der bekannten Opern wird hier der Tod auch nicht verklärt: Joseph De Rocher spricht fast, wenn er die Eltern seiner Opfer um Verzeihung bittet und Sr. Helen sagt, dass er sie liebt. Keine große Arie. "Mit dieser Oper wollten wir eine andere Öffentlichkeit erreichen als das typische Opernpublikum", erklärt Dramaturgin Sophie Becker. So sind viele Schulklassen in die Vorstellungen gekommen, danach besuchte die Dramaturgin die Schulen. Schwester Helen, die im April für eine Woche in Dresden war, besuchte unter anderem den Religionsunterricht im bischöflichen St.-Benno-Gymnasium, auch der männliche Hauptdarsteller Mel Ulrich ging in Schulklassen. Auch die Zusammenarbeit mit dem Kathedralforum mit der begleitende Vortragsreihe in der Fastenzeit diente dieser erweiterten Öffentlichkeit.

Diskussionen bei den Proben

Aber auch bei den Proben gab es heftige inhaltliche Diskussionen. Dabei ging es weniger um die Todesstrafe als um Religion. Auch im Ensemble der Semperoper gibt es erklärte Atheisten und überzeugte Christen. Ist die geistliche Begleitung von Todeskandidaten eine harte Missionierungsstrategie der Kirche, wie manche Ensemblemitglieder meinen? Wie drückt man intensive religiöse Gefühle aus? Gerald Hupach, der den unsympathischen Gefängnisgeistlichen Grenville singt, sagt, dass es für ihn als überzeugten Christen etwas Besonderes ist, einen Priester darzustellen. Die Tage mit Sr. Helen sind der Dramaturgin besonders im Gedächtnis geblieben: "Sie ist eine völlig in sich stimmige Person und sie strahlt eine unglaubliche Stärke aus. Sie weiß einfach, wo es für sie lang geht." In den Gesprächen mit ihr wurde Sophie Becker auch besonders klar, dass es der Ordensfrau immer auch um das Seelenheil der Todeskandidaten ging. Sr. Helen hat sich Proben angesehen und mit den Sängern gesprochen. Sie hat sich aber nicht eingemischt. "Das hat sie schon in den USA nicht getan. Sie hat einfach das Vertrauen, dass schon alles gute gehen wird", erklärt Sophie Becker. Sie betont auch, dass diese Oper nicht als simple politische Proklamation geschrieben und inszeniert wurde. Sie endet nicht mit einem Aufruf wider die Todesstrafe, sondern mit dem Gospel, mit dem sie begonnen hat: "Eines Tages wird Gott uns alle um sich versammeln." Die Semperoper möchte auch künftig zeitgenössischen Opern zu aktuellen Zeitfragen auf die Bühne bringen. Denn das, was sich die Intendanz erhofft hatte, ist eingetreten: Es gab intensive inhaltliche Diskussionen. Oder, wie es ein Besucher ausdrückte: "Dieser Opernabend war nicht einfach schön. Er war relevant."

Gundula Schmidt-Graute

KNA, April 2006