Scriptito : Gundula Schmidt-Graute

Religion / Kirche

Der Leidensweg Christi auf Sorbisch

Crostwitzer Katholiken führen Passionsspiel auf

Von KNA-Mitarbeiterin Gundula Schmidt-Graute

Crostwitz (KNA) Die junge Frau im langen, roten Gewand steht am Bühnenrand und hebt die Hände. Sie hält eine ergreifende Ansprache im Pfarrgarten von Crostwitz, einer kleinen Gemeinde zwischen Kamenz und Bautzen. Auf Sorbisch, der Umgangssprache der ortsansässigen slawischen Volksgruppe. "Halleluja!" ist das einzige Wort, das auch die deutschen Zuschauer verstehen bei dem Passionsspiel, das am Samstag Premiere hat.

Ein hagerer Mann unterbricht die Akteurin beim "Halleluja". Jan Mahr ist nicht zufrieden. Der Regisseur, früher Mitglied des deutsch-sorbischen Volkstheaters in Bautzen, redet auf die Laienschauspielerin ein. Viel lauter und deutlicher als sie schreit er "Halleluja!!!" und lässt "Maria Magdalena" wiederholen, dass sie den auferstandenen Christus gesehen hat.

Bei dem Schauspiel von Anton Nawka, Martin Salowski und Georg Spittank handelt es sich um eine Mischung aus Leben-Jesu-Darstellung und Passionsspiel. Der Schwerpunkt liegt auf den Geschehnissen zwischen Palmsonntag und Ostern, aber zuvor gibt es noch einige zentrale Szenen aus dem Evangelium. Nachdem Maria Magdalena ihren Monolog zur Zufriedenheit des Regisseurs wiederholt hat, versammelt sich eine Schar Männer, Frauen und Kinder auf einem kleinen Hügel bei der Bühne, um der Bergpredigt zu lauschen. Jesus im weißen Gewand spricht die Friedfertigen selig - das weiß der Bibelkundige, auch wenn er kein Sorbisch versteht. Könnte das nicht auch Aramäisch sein? Genau das macht díeses biblische Spiel so authentisch: die fremde Sprache, die antiken Gewänder und die freie Natur.

"Schade, dass sie heute nicht in der Maske waren", meint ein Zuschauer über die Darsteller. In der Tat, mit exaktem Fassonschnitt wirkt Jesus doch etwas jetztzeitig, ebenso die Jünger und das Volk von Jerusalem. Nur der eine oder andere Jugendliche trägt sein Haar lang. Doch vor den Aufführungen werden die Spezialisten aus dem Theater in Bautzen anrücken und die Handwerker aus Crostwitz und Umgebung in Juden aus der Antike verwandeln.

Das Passionsspiel wird vom Cyrill-Methodius-Verein, dem seit 150 Jahren bestehenden Verein der katholischen Sorben, und der Pfarrgemeinde Crostwitz veranstaltet. In dem knapp 1.200 Einwohner zählenden Dorf sprechen über 90 Prozent der Menschen Obersorbisch als Muttersprache. Um Kamenz und Bautzen haben rund 15.000 katholische Sorben bis heute ihre religiösen Traditionen wie das Osterreiten und die Fronleichnamsprozessionen in den traditionellen Trachten bewahrt.

Elektromeister Georg Spittank, einer der Autoren, will das Passionsspiel nicht als Touristenspektakel verstanden wissen: "Für uns geht es nicht nur um den Spaß am Theaterspielen. Es geht auch um die Gemeinschaft in der Kirche", versichert er. "Man macht sich dabei ja auch seine Gedanken: Auf welcher Seite stehst Du? Beim Herrn oder bei den Pharisäern?" Ein ähnlicher Ansatz wie bei den weltbekannten Kollegen im bayerischen Oberammergau, bei denen sich die sorbischen Amateur-Schauspieler die Kostüme ausliehen.

Alle Mitwirkenden aus Crostwitz - 220 an der Zahl, inklusive Kirchenchor und Bläsergruppe - sind aktive Kirchgänger. Vor zehn Jahren gab es in Crostwitz bereits ein Passionsspiel, das aber in der Kirche aufgeführt wurde. Die diesjährige Version ist aufwändiger auch ein Pferd, Schafe, Ziegen und Tauben wirken mit.

Die Veranstalter haben vor allem in katholischen und evangelischen Kirchen in der Umgebung für das Passionsspiel geworben, aber auch Tourismusgesellschaften angesprochen. Die Kosten des Projekts trägt der Cyrill-Methodius-Verein, der dabei von der Stiftung für das sorbische Volk unterstützt wird. Die schlichte Bühne mit stilisierten antiken Bauten haben die Laiendarsteller selbst gebaut. Geplant sind nun sechs Aufführungen, die von jeweils bis zu 1.300 Zuschauern besucht werden können. Der Eintritt kostet nur wenige Euro, damit möglichst viele zu dem Passionsspiel kommen. Wer sorbisch nicht versteht, kann es mit Hilfe eines deutschen Textheftes verfolgen.

KNA, Juni 2005