Scriptito : Gundula Schmidt-Graute

Religion / Kirche

In der Hofkirche hängt eine russische Ikone

Orthodoxe und Katholiken pflegen in Dresden gute Beziehungen

Von KNA-Mitarbeiterin Gundula Schmidt-Graute

Dresden (KNA) In der Dresdner Kathedrale, der ehemaligen Hofkirche, gibt es jetzt ein Kunstwerk, das sich deutlich von der barocken Umgebung abhebt. An einem Pfeiler im linken Seitenschiff hängt eine in warmen Orangetönen gehaltene Ikone. Es handelt sich um eine Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit nach Andrej Rubljow, dem bekannten russischen Ikonenmaler des frühen 15. Jahrhunderts, wie eine Tafel erläutert. Die Ikone ist ein Geschenk des Dresdner russisch-orthodoxen Erzpriesters Georgi Dawidow an den katholischen Bischof Joachim Reinelt.

"Beim gemeinsamen Gebet mit dem Bischof und anderen Priestern kam mir der Gedanke dazu, denn die Kathedrale ist ja der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht", erzählt "Otiez" (Vater) Georgi, ein orthodoxer Priester wie aus dem Bilderbuch mit langem schwarzen Gewand und graumeliertem Bart in klangvollem Russisch. Er lebt seit 20 Jahren in Dresden und versteht gut Deutsch, lässt seine Antworten aber bei offiziellen Anlässen von Mitarbeitern seiner Gemeinde übersetzen. Das Geschenk ist ein Ausdruck der guten ökumenischen Beziehungen der russisch-orthodoxen Gemeinde zu den anderen Christen und besonders zu den Katholiken in der sächsischen Landeshauptstadt. Regelmäßige Treffen, gemeinsame Gebete und gegenseitige Unterstützung haben hier eine lange Tradition. Bereits beim DDR-weiten Katholikentreffen 1987 in Dresden umfasste die Ökumene nicht nur die protestantischen Kirchen, sondern auch die Orthodoxie, etwa bei der ökumenischen Vesper.

Maßgeblichen Anteil daran hatte Gudrun Schlechte, die damals im Organisationsbüro mitarbeitete. Die Katholikin besucht hin und wieder einen orthodoxen Gottesdienst. "Die Ostkirche spricht in der Liturgie alle Sinne an, es gibt Symbole, Bilder, duftenden Weihrauch. Der Gottesdienst ist Anbetung und die Begegnung des Einzelnen mit Gott. Unsere Pfarrer belehren manchmal zu viel", findet sie. Bereits als Studentin lockte sie der liturgische Gesang kurz nach dem Krieg in die russische Kirche "Sankt Simeon vom Heiligen Berge" zwischen Technischer Universität und Hauptbahnhof. Noch heute verbringt die alte Dame fast jedes Jahr einige Zeit in einer orthodoxen Klosterherberge in Bulgarien.

In Dresden erfährt die russische Gemeinde viel Unterstützung von anderen Christen. Als im Sommer 2002 das Urteil im Grundstücksstreit mit der Auslandskirche, einer Abspaltung vom Moskauer Patriarchat, verkündet wurde, war der Gerichtssaal voll. Weil Gemeinde und sowjetische Militäradministration nach dem Krieg versäumt hatten, die Rückübertragung von Grundstück und Kirche an die Gemeinde ins Grundbuch eintragen zu lassen, wurde die Immobilie der Auslandskirche zugesprochen. Am Abend der Urteilsverkündung fanden in vielen Dresdner Kirchen Fürbitt-Gottesdienste statt. Da die Auslandskirche bisher noch keinen Gebrauch von ihrem Besitztitel machte, geht das Gemeindeleben in Dresden unverändert seinen Gang.

Bildeten zu DDR-Zeiten allem die Familien sowjetischer Soldaten oder andere Russen die als Wissenschaftler oder Künstler vorübergehend in Dresden lebten, die Gemeinde, so sind es jetzt viele Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Zwar waren die Deutschen in Russland ursprünglich katholisch oder gehörten einer protestantischen Kirche an, vor allem in den vergangenen Jahrzehnten vermischten sich die Deutschen jedoch mit ihren russischen Landsleuten. So gibt es viele mehrsprachige Familien, in denen auf unterschiedliche Weise zu Gott gebetet wird. Erzpriester Dawidow begrüßt es, wenn sich die Familien dann für seine Gemeinde entscheiden: "Die ganze Umgebung, Schule, Arbeit, Fernsehen - alles ist deutsch hier. Wenn die Menschen und besonders die Kinder in unserer Kirche die russische Sprache und Kultur pflegen, so ist das doch ein Gewinn für sie."

Während der Fastenzeit findet mittwochs am späten Nachmittag die "Liturgie der vorgeweihten Gaben" in der russisch-orthodoxen Kirche statt. Schöpfer dieser Liturgie war Papst Gregor der Große (590-604). "Die großen Kirchenväter sind es doch, die uns verbinden", meint Otiez Georgi dazu.

KNA, März 2004