Scriptito : Gundula Schmidt-Graute

Religion / Kirche

Ärger im Schuhkarton?

Von der erfolgreichen Päckchenpackaktion sind in den evangelischen Kirchen nicht alle begeistert

"Schon gepackt?" Seit dem 11. Oktober lacht das blonde Kind von den Plakatwänden und fordert die Passanten auf, ein Päckchen für "Weihnachten im Schuhkarton" zu packen. Die Aktion läuft nun schon zum 10. Mal und scheint von Jahr zu Jahr mehr Menschen zu begeistern. Wer einmal die Stimmung in einer Sammelstelle erlebt hat, weiß warum. Die Spender sind selbst aktiv, der Weg der Spende ist nachvollziehbar, Päckchen packen ist sinnlicher als ein Überweisungsformular auszufüllen. In vielen Familien werden die Kinder auf die Not in der Welt aufmerksam gemacht, sie opfern ihr Taschengeld oder streichen einen Posten vom Wunschzettel.

Die Öffentlichkeitsarbeit des Trägervereins "Geschenke der Hoffnung" ist beeindruckend. Neben den Plakaten gibt es Flyer, Fan-Artikel, Videos, gutes Pressematerial und prominente Unterstützer von ZDF-Moderator Peter Hahne und seinem MDR-Kollegen Peter Escher bis zu Schauspieler Peter Sodann. Und inzwischen hat die Organisation neben dem Spendensiegel der Deutschen Evangelischen Allianz auch das DZI-Spendensiegel.

Allerdings ist die Aktion nicht unumstritten, gerade in den evangelischen Landeskirchen. Während es etwa Axel Noack, der Bischof der Kirchenprovinz Sachsen begrüßt, dass durch die Aktion Kinder angeregt werden, sich für andere Kinder zu engagieren, sieht sein Amtsbruder Christoph Kähler aus Thüringen die Sache kritischer. Er fürchtet, dass die Aktion mit der nachhaltigen Entwicklungshilfe der kirchlichen Hilfswerke konkurriert. "Darum rufe ich alle Erwachsenen auf, die mit Kindern Pakete packen, Geld für ‚Brot für die Welt' zu spenden. Denn ‚Brot für die Welt' verbessert mit Partnern vor Ort die Infrastruktur."

Sammelstelle im Landeskirchenamt

Diese Befürchtungen gibt es nicht überall. "Die evangelische Landeskirche Anhalts unterstützt natürlich zunächst die Aktion ‚Brot für die Welt'", so Sprecher Johannes Killyen, "aber wir stehen ‚Weihnachten im Schuhkarton' durchaus wohlwollend gegenüber." Das zentral gelegene Landeskirchenamt in Dessau fungiert sogar seit einigen Jahren als Sammelstelle. "Wir glauben nicht, dass ‚Brot für die Welt' durch diese sehr persönliche Aktion von Mensch zu Mensch leidet, das sind doch völlig unterschiedliche Ebenen." Besonders Kirchenpräsident Helge Klassohn, der sich noch gut an die Pakete von amerikanischen Christen nach dem Krieg erinnern könne, verbinde damit positive Erfahrungen.

Auch in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen möchte man sich nicht festlegen. "Wir geben dazu keine offizielle Stellungnahme ab", jeder Christ, jede Kirchengemeinde soll das für sich entscheiden", so Oberlandeskirchenrat Christoph Münchow. Er gibt aber auch zu bedenken, dass "Weihnachten im Schuhkarton" die Projektarbeit von "Brot für die Welt" nicht ersetzen könne. "Man kann ja das eine tun und das andere nicht lassen", empfiehlt er und verweist auch auf die Aktion der Landeskirche "Ein Fahrrad für Jesaja", wo es darum geht, mit fantasievollen Aktionen Geld für den Kauf von Fahrrädern für tansanische Kirchenmitarbeiter zu sammeln.

Insofern hat die Konkurrenz wohl das Geschäft belebt, so sieht es jedenfalls die Projektleiterin von "Weihnachten im Schuhkarton", Diana Molnar: Wir werden jetzt auch kopiert, denken Sie an ‚weltweit wichteln'." Gerade diese Aktion unter der Schirmherrschaft der Hannoveraner Bischöfin Margot Käßmann wirkt wie eine Reaktion auf "Weihnachten im Schuhkarton". Hier soll es gerade nicht um ein einmaliges Beschenken mit in Deutschland gekauften Konsumgütern gehen, sondern um das Kontaktknüpfen von Kindergruppe zu Kindergruppe über Ländergrenzen hinweg - und die Wichtel-Handpuppen kommen aus fairem Handel.

Keine aggressive Evangelisation

Denn da setzt die Kritik an: Lohnt sich der Aufwand an Werbung und Transport - dafür werden pro Päckchen 6 Euro veranschlagt, die die Spender zusätzlich bezahlen -, um ein Geschenk, das laut "Weihnachten im Schuhkarton" einen Wert von etwa 25 Euro hat, in ein Land wie Polen oder Rumänien zu schicken? Schul- und Spielsachen, Zahnbürsten und Kleidung kann man in den osteuropäischen Ländern, wo die meisten der Päckchen aus Deutschland hingehen, auch kaufen. Die beschenkten Kinder sind nur zu arm dazu. Wenn die Partnerorganisationen, meist Kirchengemeinden, Geld bekämen, um vor Ort einzukaufen, wäre der lokalen Wirtschaft mehr gedient.

Und was ist mit dem Vorwurf der aggressiven Evangelisation? "Die gibt es nicht und die hat es nie gegeben", so Diana Molnar. Bei den Verteilaktionen vor Ort würden die religiösen Schriften zwar ausgelegt, aber kein Kind müsse eine mitnehmen. Und wenn die Päckchen direkt an die Familien gegeben werden, dann werde oft ganz auf das Heft verzichtet. Sie könne sich den Vorwurf nur so erklären, dass das Auftreten von Billy und Franklin Graham in Deutschland eben nicht gut ankomme. "Geschenke der Hoffnung" ist nach eigener Aussage ein "christliches Werk mit internationalem Profil", das neben der Nothilfe auch das Evangelium weiter gibt. Es hat auch andere Projekte, die mehr in Richtung Entwicklungshilfe gehen. Das Billy Graham-nahe Hilfswerk "Samaritan's Purse", das die Schenkaktionen ganz offen mit Mission verbindet, führt die Organisation als seine deutsche Geschäftsstelle an.

Gundula Schmidt-Graute

Mitteldeutsche Kirchenzeitungen, 6. November 2005