Scriptito : Gundula Schmidt-Graute

Religion / Kirche

Die spirituelle Reise durch den Todestrakt

Sister Helen Prejean, Autorin von "Dead Man Walking", im Dresdner Kathedralforum

Von KNA-Mitarbeiterin Gundula Schmidt-Graute

Dresden (KNA) Die raue Stimme von Bruce Springsteen dröhnt aus den Lautsprechern: "Dead Man Walking", die Musik zum gleichnamigen Film von 1995. "Dead Man Walking" rufen die Wärter, wenn ein Todeskandidat seinen letzten Weg antritt. Für die knapp 250 Besucher der Veranstaltung "Strafe - Schuld - Vergebung" im Dresdener Kathedralforum ist diese Einführungen eher ungewohnt, sind die Vorträge hier sonst eher von Sachlichkeit und Analyse geprägt. Doch für Sister Helen Prejean aus New Orleans, die mit ihrem Buch über die Zustände in den Todestrakten US-amerikanischer Gefängnisse ihre Landsleute, und nicht nur die, aufrütteln will, ist das der richtige Weg. Sie, die spirituell begabte Ordensschwester, setzt bewusst nicht nur auf Argumente, sondern auch auf Gefühle. In seinen einleitenden Worten skizziert Joachim Reinelt, Bischof von Dresden-Meißen zunächst die Begriffe "Schuld" und "Sünde", wie sie die Bibel versteht. Im Alten Testament sei Schuld immer mit dem Abfall von Gott und seinem Willen verbunden. Jesus habe sich nicht grundsätzlich zum Begriff der Schuld geäußert, sondern immer von Vergebung und seiner Nähe zu den Sündern gesprochen. "Darf man denn einem Menschen irgendwann das Recht nehmen, auf dieser Erde neu anzufangen?" Nein, so Bischof Reinelts deutliches Fazit, das darf man nicht.

Todesstrafe ist mit Folter verbunden

Nach der Messe wurde der Bischof auf dem Schlossplatz und in der Kathedrale immer wieder angesprochen. Ein Mann zeigte sich sehr beeindruckt, bedauerte, dass er Klein, kräftig gebaut mit kurzem grauen Haar und Brille, gekleidet in einen dunklen Hosenanzug mit hellem Rollkragenpullover und einem großen Kreuz auf der Brust, wirkt Sister Helen Prejean nicht wie eine Ordensfrau - eher wie die sozial engagierte Großmutter, an der man sich ein Vorbild nehmen sollte. Doch wenn sie von ihrer spirituellen Reise durch den Todestrakt des Staatsgefängnissen von Louisiana erzählt, wird schnell deutlich, dass es hier um mehr als um soziales Engagement geht. Sister Helen, aus der Mittelklasse stammend, akademisch gebildet, arbeitet zunächst als Religionslehrerin. Im Jahr 1981 entschließt sie sich, in ein armes Stadtviertel von New Orleans zu ziehen. Jemand bittet sie, einen Brief an einen Todeskandidaten zu schreiben. Damit beginnt eine Beziehung, die etwa zweieinhalb Jahre dauert und mit der Exekution von Patrick Sonia endet. In eindrücklichen Worten und mit großen Gesten beschreibt Helen Prejean ihre Zerrissenheit zwischen dem Abscheu vor dem Verbrechen, dem Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer - die sie zunächst nicht kennen lernen wollte - und der Tatsache, dass der Verbrecher eine Mensch mit eigener Würde ist, den sie begleitet und ihm wenn möglich bei der Umkehr hilft. Inzwischen hat Sister Helen Prejean sechs Todeskandidaten begleitet - und das heißt in letzte Konsequenz, sie war jedes Mal Zeugin der Hinrichtung, mit dem siebten arbeitet sie gerade. "Todesstrafe ist immer mit Folter verbunden, denn in den langen Jahren in der Todeszelle durchleidet der Verurteilte seinen Tod Tausende Male bereits im voraus", betont sie. Neben diesem geistlichen Dienst ist sie Aktivistin, sie war bei Papst Johannes Paul lI und bei UNO-Generalsekretär Kofi Annan, hält Vorträge in der ganzen Welt und hat das zweite Buch geschrieben. Die Oper "Dead Man Walking" von Jake Heggie (Musik) und Terrence Mc Nallie" (Libretto) wurde 2000 in San Francisco uraufgeführt und hat am 7. Mai in der Semperoper Premiere. Sister Helen verweist immer wieder auf die Oper und auf die emotionale Kraft von Theater und Musik. Sie will nicht nur informieren, sondern aufwühlen, denn: "Die Todesstrafe wird bei uns im Verborgenen und geradezu aseptisch vollzogen - die Befürworter wissen ja gar nicht wovon sie reden!"

KNA, April 2006