Soziales
Vom imperfekten Menschen zum (fast) perfekten Museum
Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden lässt für Behinderte kaum Wünsche offen - aber es gibt auch Gefahrenstellen
Der Aufstieg zur Rampe erfordert schon etwas Sportlichkeit, er ist zu steil. "Erlaubt sind drei Prozent, das sind ja fast sechs!" Christa Köckritz kennt sich aus. Die 58jährige Bauingenieurin, die seit einem Unfall vor 30 Jahren querschnittsgelähmt ist, engagiert sich auch in der Landesarbeitsgemeinschaft für Behinderte für barrierefreies Bauen. Allerdings, die Rampe ist noch ein Provisorium. Das Deutsche Hygiene-Museum ist immer noch eine Baustelle. Doch der Eingang ist perfekt: Der Türöffner ist in der richtigen Höhe und vom Rollstuhl aus bequem zu erreichen. Mit einem leichten Klacken klappen die großen Glastüren auf.
Am Empfangstresen fällt sofort der Lageplan auf. Er ist dreidimensional und in Leuchtfarben gehalten - als habe man ihn mit Textmarkern gestaltet. "Der Lageplan ist sowohl für Blinde als auch für stark Sehbehinderte geeignet" erläutert Petra Lutz, die im Museum für alle Fragen rund um barrierefreies Bauen und die Belange behinderter Besucher zuständig ist. Durch die bunten Farben sind die einzelnen Bereiche gut voneinander zu unterscheiden, so dass man kein Adlerauge braucht, um den Plan zu entziffern. Er ist auch in Braille beschriftet und kann ertastet werden. "Warum hat denn der Fußboden keine Leitstreifen?" will Christa Köckritz wissen. Denkmalschutzauflagen? Nein, darum geht es nicht. Es führen einfach zu viele Wege vom Empfang weg - zu den Garderoben, zur Behinderten-Toilette, zum Fahrstuhl, zum Café und zum Shop. Noch gibt es keine Garderoben, die für Behinderte zugänglich sind, wenn der Umbau im Jahr 2005 abgeschlossen ist, wird das aber der Fall sein.
Am Empfang gibt es auch die verschiedenen Audioguides. Neben den fremdsprachlichen gibt es speziell für Blinde konzipierte Führungen und Texte in Einfachsprache für Lernbehinderte und Menschen mit einer leichten geistigen Behinderung. In der Ausstellung verweisen Nummern auf die entsprechenden Texte im Audioguide in Braille oder Normalschrift. Im Erdgeschoss befindet sich auch die Behindertentoilette, die keine Wünsche offen lässt. Christa Köckritz sieht es mit Freude. "Wissen Sie über Toiletten für Behinderte könnte ich ganze Bücher schreiben!"
Die ständige Ausstellung - sie wurde komplett überarbeitet und seit April sind die ersten vier von sieben Räumen wieder geöffnet - beginnt im ersten Stock. Im Aufzug große, tief angebrachte Knöpfe, gut lesbare Beschriftung, natürlich auch in Blindenschrift, und eine sanfte Stimme, die die Stockwerke ansagt, alles wie aus dem Lehrbuch für barrierefreies Bauen. Doch beim Aussteigen kann schnell ein Unglück passieren. Der Abstand zwischen Aufzugstür und Treppe ist zu kurz. Wenn ein Rollstuhlfahrer nicht aufpasst, etwa weil angeregt plaudert, kann er beim Manövrieren leicht die Stufen hinunter fallen. Petra Lutz ist bestürzt. Die Frage ist, was man da jetzt noch machen kann - Christa Köckritz schlägt ein Geländer vor, das die Treppe zu Hälfte absichert. Für das "Fußvolk", das rasch die zwölf Stufen nimmt, vielleicht etwas irritierend, aber für die Sicherheit von Rollstuhlfahrern auf jeden Fall hilfreich. Auf dem Weg in den ersten Ausstellungsraum gleich die nächste Falle: Man passiert nach dem Aufzug oder der Treppe einen kurzen Gang, dann kommt eine Glastür, die meist offen steht und dann linker Hand eine Rampe. Geradeaus aber geht es wieder einige Stufen hinunter - von der Glastür aus aber nicht zu sehen.
Doch ist man erst einmal in den Ausstellungsräumen, sind diese Probleme schnell vergessen. Die vier Räume, die thematisch den Bereichen "Der Mensch im Spiegel der Wissenschaft", "Leben und Sterben", "Essen und Trinken" sowie "Sexualität" zugeordnet sind, gehen ineinander über. In jedem Raum gibt es einen taktilen Plan. Darüber jeweils ein einleitender Text sehr groß geschrieben, die Schrift seltsamerweise eierschalenfarben auf dunklem Furnier. Kann man das gut lesen? "Unsere Berater vom Blinden- und Sehbehindertenverband sind zufrieden", beruhigt Petra Lutz. "Wir mussten auch Kompromisse im Sinne des Denkmalschutzes machen." Die Beschriftung der Vitrinen ist serifenlos, die Zeilen sind kurz und der Zeilenabstand groß - das erleichtert das Lesen. Die Texte sind in Rollstuhlhöhe angebracht - übrigens auch für Kinder eine Erleichterung, man macht sich schließlich einfacher klein als groß.
Im Hygiene-Museum darf man auch vieles anfassen. Es gibt Modelle etwa von Zellen oder den Verdauungsorganen, die extra zum Betasten entwickelt wurden. Auf vielen Computer-Terminals kann man mehr zum Thema erfahren und es gibt einfach untertitelte Filme, von denen viele in audiodeskriptiver Form abgerufen werden können. Alle Medienstationen, die Ton in den Raum übertragen, sind mit Induktionsschleifen für Hörgeräte ausgestattet, für die Audioguides gibt es ebenfalls spezielle Kopfhörer mit Induktionsschleifen. Christa Köckritz ist auch zufrieden. Mit ihrem Rollstuhl kann sie bequem alles erreichen und unter die Konsolen fahren. Für die Fußgänger stehen Hocker bereit. Manchmal stehen sie achtlos so dicht unter den Tischen, dass sie sie beiseite schieben muss. "Nicht ganz so einfach, wenn sie Griffe hätten, wäre es etwas besser."
Auch inhaltlich hat sich im Deutschen Hygiene-Museum Stück für Stück seit 1991einiges verändert. "Wir haben nicht mehr den Anspruch, den Leuten zu erklären, wie sie durch den Genuss von Vollkornbrot das ewige Leben erlangen können!" Direktor Klaus Vogel spielt damit auch auf die volkserzieherischen Traditionen an, die von der ersten Hygiene-Ausstellung im Jahr 1911 bis in die Zeiten der DDR reichen. Dort stand immer der gesunde, leistungsfähige, optimistische Mensch im Vordergrund. Krankheit, Behinderung gar, war Abweichung von der Norm, die es zu bekämpfen, oder - in den Jahren 1933 bis 1945 - auszumerzen galt. Heute haben auch Vergänglichkeit und Tod Platz im Museum.
Das Deutsche Hygiene-Museum hatte bereits im Jahr 2000/2001die Ausstellung "Der imperfekte Mensch" gemeinsam mit der "Aktion Mensch". Das wurde zu einem Schlüsselerlebnis für die Mitarbeiter. "Die Texte in Einfachsprache wurden von fast allen Besuchern gelesen und viele haben uns darauf angesprochen, wie verständlich diese Beschreibungen sind", erzählt Petra Lutz. Und Direktor Vogel erinnert sich. "Damals mussten wir Rollstuhlfahrer und stark gehbehinderte Besucher noch im Lastenaufzug befördern. Was haben wir uns dafür geschämt!"
Gundula Schmidt-Graute
"Das Band", Oktober 2004