Soziales
"Wir wurden gebraucht und haben mit der Arbeit angefangen"
Die Diakonie der Böhmischen Brüder in Tschechien
von Gundula Schmidt-Graute
"Libice ist ein typisches Beispiel, wie wir ein Diakoniezentrum aufbauen", erklärt Eva Grollova, Vizedirektorin der Diakonie der Böhmischen Brüder in der Tschechischen Republik. "Wir wurden gebraucht und haben mit der Arbeit angefangen".
"Wir" das ist in diesem Fall zunächst ein einzelner Mann, Pavel Pistor, Tierpfleger in einem großen Landwirtschaftsbetrieb in Libice, einem kleinen Dorf südöstlich von Prag, und Mitglied der Kirche der Böhmischen Brüder. In seiner Freizeit setzt er sich auf sein Fahrrad und fährt zu ein paar älteren Menschen, die auf Pflege zu Hause angewiesen sind. Als er es allein nicht mehr schafft, kommt noch eine Krankenschwester dazu. Später wird ein Gebrauchtwagen gekauft, damit auch Menschen in den umliegenden Orten versorgt werden können. Das war zu Beginn der 90er Jahre. Seit 1992 gibt es eine Sozialstation in Libice, die derzeit etwa 70 Menschen ambulant betreut. Als die Schule im Ort geschlossen wird, greift die Diakonie zu und richtet im Jahr 1997 ein Seniorenheim mit 30 Plätzen ein. Nach einer Weile stellen die Mitarbeiter fest, dass sich auch jüngere Menschen um einen Platz bewerben, psychisch kranke Menschen, die nicht allein leben können, aber auch keine intensive psychiatrische Behandlung brauchen. So richtet man im Nachbarort Sány eine betreute Wohngruppe für diese Menschen ein, angeregt durch Beispiele im Rheinland, in Belgien und Großbritannien, die Mitarbeiter der Diakonie im Rahmen eines europäischen Projektes kennen lernen konnten. So ist in Libice eines von derzeit 29 Diakoniezentren entstanden - zwei weitere sollen noch in diesem Jahr hinzu kommen. Der Direktor des Zentrums ist Pavel Pistor, der Mann, der sich einfach aufs Fahrrad setzte, als seine Hilfe gebraucht wurde. Die diakonischen Einrichtungen sind eng an die örtlichen Kirchengemeinden gebunden, bekommen Impulse von ehrenamtlichen Mitarbeitern und wirken ihrerseits in die Gemeinden hinein, machen Kirche lebendig und erlebbar.
Unterbrochene Tradition
Die Tradition kirchlicher sozialer Arbeit ist in Tschechien in den fünfziger Jahren abrupt unterbrochen worden. Damals verbot das kommunistische Regime der Tschechoslowakei den Kirchen jegliche Betätigung außerhalb des Gottesdienstes. Die Diakonie wurde jedoch bereits im Juni 1989, also gut fünf Monate vor der "samtenen Revolution" neu begründet. Engagierte Kirchenmitglieder wollten mit der Arbeit beginnen und der Staat überließ ihnen zunächst Senioren und geistig Behinderte - Menschen auf die es dem Regime ohnehin nicht mehr ankam. In Prag kümmerte sich die Diakonie unter anderem um die ostdeutschen Botschaftsflüchtlinge, die im Sommer 1989 wochenlang in der Botschaft der Bundesrepublik ausharrten, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen.
Die Diakonie ist in Tschechien der zweitgrößte Anbieter von nicht-staatlichen sozialen Leistungen, gleich nach der zehn Mal so großen Caritas, die immerhin rund 300 Einrichtungen hat. Sie betreibt Beratungsstellen, Unterkünfte für obdachlose Mütter, Einrichtungen für behinderte Kinder und Erwachsene, macht Straßensozialarbeit und kümmert sich um Flüchtlinge. Ähnlich wie in Deutschland, müssen Asylbewerber zunächst in einem Heim leben, erhalten Taschengeld und Verpflegung und dürfen nicht arbeiten. "Wir Tschechen sind leider gegenüber Flüchtlingen nicht sehr gastfreundliche", erklärt Jana Pliková, die daran arbeitet, die Initiativen von Freiwilligen, die sich um die Flüchtlinge kümmern, zu vernetzen.
Der Status der freien Wohlfahrtspflege, mit gesetzlich verankerten Ansprüchen auf staatliche Unterstützung existiert in Tschechien übrigens nicht. Die sozialen Einrichtungen gelten als "Nichtregierungsorganisationen", die sich jährlich um Projektfördermittel beim Sozialministerium bemühen müssen. Medizinische Leistungen werden teilweise auch von den Krankenkassen bezahlt, die Kommunen geben Zuschüsse und das Diakonische Werk in Stuttgart finanziert Ausbildungsprogramme für die Mitarbeiter. Auch die Klienten zahlen einen Obolus von ihren Renten. "Über die Aufnahme in eine Einrichtung entscheiden wir aber weder nach Geld noch nach einem Platz auf der Warteliste, sondern allein nach dem konkreten Bedarf im Einzelfall", betont Eva Grollova.
Die Tschechische Republik ist ein weitgehend säkularisiertes Land. Viele Menschen denken bei dem Wort "Kirche" eher an barocke Baukunst als an Gottesdienste und gelebte Nächstenliebe. Etwa vierzig Prozent der Tschechen sind katholisch, weitere sechs Prozent sind Protestanten. Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder entstand 1918, als sich Reformierte und Lutheraner auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik zu einer Kirche zusammenschlossen. Sie hat etwa 150 000 Mitglieder. In der benachbarten Slowakei blieben Reformierte und Lutheraner immer in zwei Kirchen organisiert. Nur zehn Prozent der Mitarbeiter in der Diakonie sind Kirchenmitglieder, lediglich die Leitungsebene wird von evangelischen Christen bestimmt. "Wir erwarten aber, dass alle Mitarbeiter mit unseren Grundwerten übereinstimmen", betont Vizedirektorin Grollova. Sowohl die Klienten als auch die Mitarbeiter mussten erst wieder lernen, dass auch alte Menschen in Heimen und Behinderte Rechte haben. "Die Mitarbeiter, die das nicht verstanden haben, mussten gehen."
KNA, Mai 2003