Soziales
Vom verlorenen Sohn und Lehrern, die am längeren Hebel sitzen
Bischof Joachim Reinelt besucht eine Ethik-Stunde in der Berufsschule des Don Bosco-Werks Sachsen
Burgstädt (KNA) Sechs junge Männer in der Einheitskluft dunkle Kapuzenpullis, Jeans und Turnschuhe sitzen in den Bänken des kleinen Gruppenraums und blicken auf den schwarz gekleideten älteren Herrn mit dem Priesterkragen und dem goldenen Ring. Es ist Ethikunterricht in der Berufsschule der Don Bosco Jugend-Werk GmbH Sachsen in Burgstädt bei Chemnitz. Pater Harald Neuberger SDB, der Ethik-Lehrer in weltlicher Kleidung, richtet seine erste Frage an den Herrn mit dem Priesterkragen: „Stellten Sie sich doch bitte den jungen Leuten vor, wer Sie sind und was Sie beruflich so machen.“ „Mein Name ist Joachim Reinelt, ich lebe seit 1945 in Sachsen und bin Bischof von Dresden-Meißen.“ Er erzählt kurz von seinem Werdegang und seinem Alltag als Bischof. Dann stellen sich die Jugendlichen vor. Sie sind zwischen 16 und 20 Jahre alt und im ersten Ausbildungsjahr als Lagerfachhelfer oder Servicefahrer. Sie lernen in einer Werkstätte des Don-Bosco-Werks oder in einem Betrieb und besuchen hier die Berufsschule.
Zunächst dürfen die Schüler Fragen an den Bischof stellen, über Kirchengeschichte, so wie sie es in der vorigen Stunde in einer Themensammlung festgehalten hatten. Es entspinnt sich ein Dialog zwischen den siebzehnjährigen Yves Roloff und dem Bischof. Es geht um Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und die Frage, wie es der Kirche einfallen konnte, Menschen zum Glauben zu zwingen. Schwer vorstellbar in einer säkularisierten Gesellschaft, wo möglicherweise bereits die Großeltern der Jugendlichen der Kirche und dem Glauben den Rücken gekehrt haben. Bischof Reinelt deutet an, dass die Menschen im Mittelalter anders dachten, und ist überzeugt, „heute würden wir so einen Unsinn nicht mehr machen“. Er erzählt das Gleichnis vom verlorenen Sohn und betont, Gott sei immer für den Frieden. Pater Harald, der erst in diesem Schulhalbjahr in die Klasse gekommen ist und die Schüler noch nicht gut kennt, erläutert nochmals das Prinzip seines Unterrichts: „Im Ethikunterricht wollen wir Toleranz und die Wertschätzung anderer Meinungen lernen. Meine Position ist klar, ich bin katholischer Christ.“ Schulleiter Hermann Bartl erklärt später, dass in der Schule der Ethik-Unterricht in diesem Jahr eingeführt wurde. Versuche mit Religionsunterricht waren fehlgeschlagen, denn für keine Konfession fanden sich genug Schüler. Sein Ziel ist, dass Absolventen der Schule zumindest ein Jahr lang den Ethikunterricht besucht haben. So will er dem Geist einer katholischen Einrichtung gerecht werden.
Jetzt geht es weiter im Stoff des Ethikunterrichts. Die Schüler hatten kurze Texte mit typischen Situationen aus dem Schulalltag bekommen und sollten bewerten, ob es sich um eine Situation der Gewalt handelt und wie sie darauf reagieren würden. Als es um einen zynischen Lehrer geht, der einen Schüler öffentlich demütigt, zucken sie mit den Schultern. Gewalt? Die können sie in der Situation nicht erkennen. Reagieren? Nein, der Lehrer sitzt ja ohnehin am längeren Hebel. Bischof Reinelt erzählt aus seiner Schulzeit, wie ein Lehrer ihn beschuldigt hatte, „Westsender“ zu hören und er ihm beweisen konnte, dass er nicht einmal ein Radiogerät besaß. Fast unisono beschwören Pater Harald und Bischof Reinelt die Jungen: „Habt ruhig Mut, Euch zu wehren!“ Nach der Stunde ist der junge Pater, der zuvor in Stuttgart unterrichtet hatte, fassungslos: „Sind die Jugendlichen hier alle so? Wirkt die DDR immer noch so stark nach? Das kenne ich von meiner früheren Stelle nicht!“
Gundula Schmidt-Graute
KNA, März 2007