Soziales
Ein Kreuz für jedes "Euthanasie"-Opfer
Weltjugendtagsgäste helfen und lernen in Pirna-Sonnenstein
Von KNA-Mitarbeiterin Gundula Schmidt-Graute
Dresden (KNA) "Jetzt betreten wir den Raum, in dem fast 15.000 Menschen ermordet wurden - wenn einer von Ihnen das aus welchem Grund auch immer nicht möchte, so kann er selbstverständlich draußen bleiben." Friedhelm Schwabe, Mitarbeiter der Gedenkstätte für die "Euthanasie"-Opfer in Pirna-Sonnenstein bei Dresden, wartet auf die Übersetzung ins Italienische und geht dann voran in das gelbe Gebäude. Im Keller war die Todesfabrik: der Vorraum, in dem die ahnungslosen Opfer - psychisch Kranke und Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung - Handtücher und Seife vorfanden und wo sie sich auszogen. Die als Dusche getarnte Gaskammer, in der sie nach heftigen Todeskampf starben, und die Verbrennungsräume zur Beseitigung der Leichen.
Die jungen Leute, 21 Italiener aus dem Bistum Arezzo in der Toskana, ein paar Deutsche aus der Pirnaer Gemeinde Sankt Kunigunde und zwei Brasilianer, drängen sich um Schwabe und den Dolmetscher Niko Kuon, einen Romanistikstudenten aus Dresden. Heute ist das Erschreckende an diesen Kellerräumen nicht das Grauen - sondern dass es ausbleibt. Diese Räume sehen so banal aus, sie hätten wirklich die Sanitärräume einer Anstalt aus den vierziger Jahren sein können. In der ehemaligen Gaskammer liegt ein Kranz, gestiftet von einer Behinderteneinrichtung, und es brennen ein paar Kerzen. Einige der Besucher bekreuzigen sich.
Direkt neben der Gaskammer liegt der Gedenkraum, und hier beginnt auch das Projekt, an dem die Besucher am "Tag des sozialen Engagements" mitarbeiten: Die so genannte "Gedenkspur". Ein schmales Band von Kreuzen, etwa 10 mal 5 Zentimeter groß, in verschiedenen Farben schlängelt sich aus dem Keller die Treppe hinauf, aus dem Haus hinaus auf den Gartenweg in der riesigen Anlage des Pirnaer Schlosses hoch über der Kleinstadt. Jedes Kreuz steht für ein Opfer, und neben jedem Kreuz steht eine Nummer, beginnend im Keller mit der 14.751. Es wird rückwärts gezählt, und irgendwann einmal soll die Spur unten in der Stadt an der Elbe mit der 1 enden oder beginnen.
Die Gruppe gestaltet ein Stück auf der Schlosstreppe, die hinunter in die Stadt führt. Die Kreuze werden mit Hilfe einer Schablone direkt auf den Boden gesprüht. Sie sind in bunten Farben gehalten, um die Unterschiedlichkeit der Opfer zu unterstreichen: Kinder und Erwachsene, Behinderte und psychisch Kranke, Menschen, die einfach nur vor großen Schwierigkeiten standen, wie die überforderte Witwe mit acht Kindern, die ein Fürsorgefall wurde und deshalb sterben musste. In Pirna wurden neben den "Euthanasie"-Opfern auch noch etwa 1.000 KZ-Häftlinge getötet.
"Es ist nicht wichtig, dass Ihr möglichst viele Kreuze schafft", erläutert Gemeindereferentin Barbara Ludewig, "diese Arbeit soll vor allem die Erinnerung wachhalten und zum Nachdenken anregen, auch über unser heutiges Verhältnis zu Menschen mit Behinderungen." Die Besucher - die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, studieren oder sind berufstätig - wissen natürlich über die Schoah Bescheid, auch von den medizinischen Experimenten in einigen KZs haben viele gehört. Aber das Kapitel "Euthanasie" war ihnen nicht bekannt.
In dem einleitenden Vortrag von Friedhelm Schwabe hatte sie auch erfahren, dass in den Jahren vor der Ermordung die Sterilisationspolitik stand - unter anderem für Kinder, die einen schwarzen Elternteil hatten. Unverständlich besonders für die Gäste aus dem multi-ethnischen Brasilien. Unter einigen Besuchern entspinnt sich auch eine Diskussion über die umstrittenen Psychiatriereformen in den 70er Jahren, als man in Italien die Kranken aus den Anstalten befreite - aber auch oft sich selbst oder ihren überforderten Familien überließ. Wenn die Italiener und Brasilianer Pirna wieder verlassen haben werden, wird die Gedenkspur ein Stück vollständiger sein - und das Wissen der Besucher über die NS-Barbarei auch.
KNA, August 2005